NZZ Digest

Artikelübersicht & Leseempfehlungen
Montag, 16. Februar 2026 · Neue Zürcher Zeitung · 32 Seiten
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Montag, 16. Februar 2026

Neue Zürcher Zeitung · 32 Seiten
International

Amerika vermisst den Westen neu

Florian Eder
MSK: Rubio bekennt sich zur NATO, nennt «regelbasierte Weltordnung» aber eine «dumme Idee». Interessen vor Ideale.

Nawalny wurde offenbar mit Froschgift getötet

Markus Ackeret
Fünf Länder weisen Nervengift Epibatidin nach. Bruch der Chemiewaffenkonvention. Qualvoller Tod durch Atemmuskellahmung.

Rechter Aktivist in Lyon zu Tode geprügelt

Daniel Steinvorth
23-Jähriger von mutmasslichen Linksextremisten getötet. Le Pen spricht von «Lynchmord».

Härtere Abschieberegeln in Dänemark

Linda Koponen
Automatische Ausweisung ab einem Jahr Haft — auch gegen Menschenrechtskonvention. 70% bereits abgeschoben.

Brüssel hat nach 613 Tagen eine Regierung

Antonio Fumagalli
Sieben-Parteien-Koalition. Doppelte Mehrheit und Koalitionsausschlüsse erschwerten die Bildung.

Michelle Bolsonaros politische Ambitionen

Alexander Busch
Ex-First-Lady Brasiliens als eigenständige politische Kraft der Rechten. Evangelikale Laienprederin, gleichauf mit Stiefsohn in Umfragen.

USA setzten bei Venezuela-Operation KI ein

Marie-Astrid Langer
US-Militär nutzte Claude von Anthropic — entgegen deren Nutzungsbedingungen. Dilemma zwischen Ethik und Regierungsaufträgen.

Bulgariens Gen Z kämpft für faire Neuwahlen

Nicole Anliker
Social-Media-Mobilisierung, KI-generierte Inhalte, Influencer politisieren junge Menschen. Regierung im Dezember gestürzt.

Kalte Schulter für die AfD

Anna Schiller
Kein Treffen mit US-Diplomatie. Rubios neue Strategie setzt auf Versöhnung mit Europa, nicht auf Rechtsaussen.
Schweiz

Individualbesteuerung: Streitgespräch

David Vonplon, Katharina Fontana
FDP-Chefin vs. Mitte-Ständerat. 50% profitieren laut Vincenz, vor allem «Dinks» laut Würth.

Crans-Montana: Gemeinde wusste von Mängeln

Matthias Benz
Gemeinderat kannte seit 2023 Mängel beim Brandschutz. Bar seit 2019 nicht kontrolliert. 41 Tote an Silvester.

Trotz mehr Bahn immer noch Stau

Tobias Gafafer
Besserer ÖV führt zu mehr Mobilität, nicht weniger Strassenverkehr. Gotthard-Basistunnel: Bahn +7%, Nachfrage +50%.

Bargeldinitiative: Fragen und Antworten

Andri Rostetter
Verfügbarkeit von Münzen und Banknoten in Verfassung verankern. Bundesrat hat Gegenvorschlag. Ändert im Alltag praktisch nichts.
Zürich

Sie stand mitten im Leben — dann kam der Krebs

Andrea Marti
Caroline Tanner (37), Brustkrebs. Plädoyer für Früherkennung. Zürich hat kein Mammografie-Programm.

Ein Baum in vier Jahren: Kafkaesker Briefwechsel

Michael von Ledebur
Anwalt fragt nach Baum an sanierter Strasse. Vier Jahre Amtsschimmel. Vor 30 Jahren ging es in drei Monaten.

«Pedo-Hunter»-Gruppierung festgenommen

Fabian Baumgartner
Sechs Jugendliche (14–18) lockten Männer in Fallen, schlugen sie zusammen. Polizei warnt vor Selbstjustiz.

Karl Lüeönd — Jagdhund und Menschenfreund

Giorgio Scherrer
Nachruf. Autodidakt, Aussenseiter, Blick-Chefredaktor. Rau, waghalsig, aber Menschenfreund.
Wirtschaft

Chinas Kontrollwut bremst die Schweizer Industrie

Benjamin Triebe
Exportkontrollen für seltene Erden treffen Schweizer KMU. Fensterbauer wartet sechs Monate auf Magnete.

Das Anti-Starbucks aus China

Jannik Belser, Matthias Kamp
Cotti Coffee expandiert nach Europa. 18'000 Läden in zwei Jahren. Espresso für 2 Euro. Gründer mit Bilanzfälschungs-Vergangenheit.

«Die Handelsströme wachsen enorm»

Leon Igel (Interview mit Parag Khanna)
Globalisierung ist nicht tot, sie mutiert. «Neomerkantiiistischer Neoimperialismus». Prognose: «neomittelalterliche Ordnung» mit vielen Machtzentren.

Das Trittbrettfahrerproblem der Klimapolitik

Hansueli Schöchli
Schweiz = 0,1% des CO2-Ausstosses. Seit 1990 minus 20–26%. In der Konsumbetrachtung dreimal höher.
Meinung & Debatte

Zürich — Versuchslabor für weltfremde Phantasien

Michael von Ledebur
Rot-grüne Bubble: Werbeverbote, 35-Stunden-Woche für Verwaltung, «Freundschaftsbänkchen». Korrektur am 8. März nötig.

Wie Politik Expertise biegt

Reiner Eichenberger, David Stadelmann
Sechs Mechanismen führen zu staatsdienlichen Studien. Lösung: unabhängige Gegenvorschlagskommissionen.
Sport

Odermatt: «Es waren erfolgreiche Spiele»

Dominic Wirth (Interview)
Zweimal Silber, einmal Bronze. Würde nicht gegen Abfahrtsgold tauschen. Olympischer Spirit sei nicht angekommen.

Federica Brignone: Ein Skimärchen mit Happy End

Eva Breitenstein
Nach Kreuzbandriss Gold im Super-G und Riesenslalom. Eines der grössten Comebacks der Skigeschichte.

FC Thun wirkt immer meisterlicher

Peter B. Birrer
Aufsteiger gewinnt achten Sieg in Serie. Grösste Überraschung der Super-League-Geschichte.
Panorama

Putin gegen den Narren aus Düsseldorf

Kathrin Klette
Moskauer Gericht verklagt Wagenbauer Jacques Tilly wegen satirischer Putin-Figuren am Rosenmontagszug.

Zürich hat jetzt eine Fashion-Week

Jana Schibli
Erste Zurich Fashion Week von Tamy Glauser. 25 Designer, aber keine grossen Namen oder internationale Einkäufer.

Leseempfehlungen

Amerika vermisst den Westen neu

Florian Eder
NATO-Neubegründung über Interessen statt Ideale
US-Aussenminister Marco Rubio bekannte sich zur NATO und der Beistandspflicht, nannte Amerika ein «Kind Europas». Gleichzeitig vollzog er eine ideologische Neuverortung: Die «regelbasierte Weltordnung» sei eine «dumme Idee», die 5000 Jahre Geschichte ignoriere. Der Westen solle sich über Souveränität und Selbstbehauptung definieren, nicht über universelle Normen. Internationale Institutionen seien nur legitim, wenn sie nützten. Die USA erwarten von Europa militärische Fähigkeiten und Lastenteilung, nicht blosse Ankündigungen. Elbridge Colby, Hauptautor der neuen Sicherheitsstrategie: Sicherheit sei keine gegenseitige Versicherung, sondern eine «gemeinsame Produktionsleistung». Deutschland reagierte unter Merz unaufgeregt, sprach von Aufrüstung als eigenem Interesse. Die rhetorische Ruhe ist eingekehrt, doch die Bewährungsprobe steht noch aus: Sie entscheidet sich in Haushalten und realen Fähigkeitszuwächsen, nicht in Reden.

Nawalny wurde offenbar mit Froschgift getötet

Markus Ackeret
Brisanter Beleg für systematische Staatsverbrechen Russlands
Labore aus fünf europäischen Staaten haben unabhängig das Nervengift Epibatidin in Nawalnys Leichnam nachgewiesen. Die hochgiftige Substanz wird von ecuadorianischen Laubfröschen produziert: Geringste Mengen genügen, um die Atemmuskulatur zu lähmen — die Opfer ersticken qualvoll. Arzt Alexander Polupan bestätigte: Die beschriebenen Symptome passen — nach dem Hofgang wurde Nawalny von Bauchkrämpfen erfasst, erlitt Blutergüsse, übergab sich. Organisches Material wurde unter Schutz ins Ausland gebracht. Die fünf Staaten machen Russland für den Bruch der Chemiewaffenkonvention verantwortlich. Nawalnys Verlegung ins abgelegenste Straflager diente der Ermordung unter Geheimhaltung. Das Regime fühlte sich sicher genug, ein seltenes Gift zu verwenden — wurde aber überführt.

«Die Handelsströme wachsen plötzlich enorm»

Leon Igel (Interview mit Parag Khanna)
Fundamentale Neuinterpretation der Globalisierung
Geostratege Parag Khanna widerspricht der These vom Ende der Globalisierung. Seine datengestützte Karte zeigt grenzüberschreitende Infrastruktur — Strassen, Pipelines, Datenkabel — die jährlich wächst. Trotz Handelskriegen investieren Länder und Firmen Billionen in engere Verzahnung. Nach Ausbruch eines Handelskrieges wachsen die Ströme sogar, weil Unternehmen Waren verschicken, bevor Zölle kommen. Khanna diagnostiziert einen «neomerkantilistischen Neoimperialismus»: Grossmächte verhalten sich wie Imperien, kolonisieren aber nicht — sie erweitern Macht über Wirtschaft und Lieferketten. Für 2030 prognostiziert er eine «neomittelalterliche Ordnung» mit vielen gleichrangigen Machtzentren statt einer Hegemonialmacht. Das erschwert einen globalen Krieg. Die Lösung für globale Probleme liegt nicht in hierarchischen Strukturen wie der UNO, sondern in regionalen Staatenverbänden und Kooperation mit Unternehmen.

Chinas Kontrollwut: Schweizer Fensterbauer im Handelskrieg

Benjamin Triebe
Konkret: Wie der Handelskrieg Schweizer KMU trifft
Ein Schweizer Fensterbauer erlebte hautnah, wie Chinas Exportkontrollen selbst unverdächtigste Projekte behindern. ETH Juniors wollte für die Firma Baumgartner 3500 Magnete bestellen (16'000 Franken). Weil die Magnete seltene Erden enthalten, verlangten chinesische Behörden Endverwendungszertifikate und die Zusicherung, diese nicht ans US-Militär weiterzugeben. «Es war fast so, als wollte man, dass wir es falsch ausfüllen», sagt Ingenieur Enea Baumann. Sechs Monate Verzögerung. China dominiert 90% der Magnetherstellung und nutzt dies als Druckmittel. Jean-Philippe Kohl von Swissmem berichtet von zahlreichen Firmen mit Beschaffungsproblemen 2025. Die Schweiz hat keine eigenen Rohstoffe und muss Kontakte zu China, USA und EU pflegen. Bei seltenen Erden führt selten ein Weg an Peking vorbei.

USA setzten bei Venezuela-Operation KI ein

Marie-Astrid Langer
KI im Militäreinsatz — ethisches Dilemma für Anthropic
Bei der Operation gegen Venezuelas Präsidenten Maduro nutzte das US-Militär erstmals Claude von Anthropic — entgegen deren Nutzungsbedingungen, die den Einsatz für Gewalt ausdrücklich ausschliessen. Der Fall zeigt die wachsende Rolle von KI in Militäroperationen und stellt Anthropic vor ein Dilemma zwischen ethischen Prinzipien und lukrativen Regierungsaufträgen. Die Frage, ob und wie Tech-Unternehmen den Einsatz ihrer Produkte durch Regierungen kontrollieren können, wird zur zentralen Debatte der KI-Branche.

Zürich — Versuchslabor für weltfremde Phantasien

Michael von Ledebur
Zürcher Stadtpolitik vor den Wahlen am 8. März
Die rot-grüne Mehrheit im Zürcher Stadtparlament (63 zu 62 Stimmen) lebt in einer Bubble. Verbotskultur: Werbeverbot auf öffentlichem Grund, Public-Viewing-Verbot für WM in «unsympathischen Ländern», Zürifäscht-Verbot via Feuerwerksverbot. Privilegien für die Verwaltung: 35-Stunden-Woche, sechste Ferienwoche, Mutterschaftsurlaub drei Wochen vor Geburtstermin. Weltfremde Lösungen: «Freundschaftsbänkchen» für psychische Probleme, «Gesundheitskiosk», «genderneutrale Verkehrsschilder». All dies führt zu teuren Abklärungen und wachsender Verwaltung. Bei der Budgetdebatte beschimpften sich AL und SVP als «Holzkopf». Eine Korrektur am 8. März würde helfen — die GLP als Königsmacherin «macht nicht jeden Unsinn mit».