Titelseite (Seite 1)
«Wird mein Kind falsch unterrichtet?»
René Donzé
Schulbesuch mit dem weltberühmten Bildungsforscher John Hattie im Zürcher Schulhaus Hans Asper. Hattie kritisiert den Schweizer Fokus auf kleine Klassen, frühe Selektion und Separation statt Integration. → S. 18–19
Neue AKW könnten Kostenfallen werden
Georg Humbel
Bundesrat Röstis Finanzierungsidee für neue Kernkraftwerke via «gleitende Marktprämie» stösst auf Skepsis der Strombranche. Hinkley Point C in Grossbritannien als warnendes Beispiel. → S. 10
Angst vor Trump bestimmt das Handeln in Bern
Simon Marti, Georg Humbel
Die Schweiz versucht im Iran-Krieg ihre Neutralität zu wahren: Waffenexporte in die USA gestoppt, F-35-Lieferung verzögert, Parmelin im Wirtschaftsdepartement unter Druck. → S. 9
Experten warnen vor Folgen der Unglücksserie
Gina Bachmann, Benjamin Triebe
Kaskadeneffekt nach den Unglücken von Crans-Montana, Kerzers und Engelberg: ETH-Professor Dirk Helbing und Psychiater Thomas Ihde ordnen ein. → S. 13
Bauern sagen nichts zur SVP-Initiative
Ladina Triaca, Daniel Friedli
Bauernverband beschliesst Stimmfreigabe zur SVP-10-Millionen-Initiative. «Geld und Gülle»-Allianz: Wirtschaft und Landwirtschaft uneins über Personenfreizügigkeit. → S. 15
Planungspannen bei der Swiss
Redaktion
Sommerflugplan mit Problemen. → S. 33
Leid und Freud der Mutter eines Superstars
Redaktion
Porträt von Priska Odermatt, Mutter von Skirennfahrer Marco Odermatt. → S. 27
Iran-Krieg (Seiten 2–4)
Das grosse 10-Millionen-Missverständnis
Beat Balzli (Editorial)
Der Chefredaktor reflektiert über die Debatte um Bevölkerungswachstum, Migration und die bevorstehende Abstimmung über die SVP-Initiative.
Für alle, die den Überblick verloren haben
Redaktion Ausland, Mark Walter (Illustration)
Atlas einer Welt im Krieg: Nummerierte Übersicht (1–32) aller globalen Konflikte. Iran-Krieg (USA/Israel vs. Iran, Hormuz-Blockade, Diego Garcia angegriffen), Ukraine-Krieg, Taiwan-Konflikt, Karibik-Konflikte (Venezuela, Kuba), Sudan-Krieg — auf einer Doppelseite visualisiert.
Geklappt hat das noch nie
Petra Ramsauer
Nach drei Wochen Luftangriffen wankt die Regierung in Teheran nicht. Historische Analyse des systematischen Scheiterns von Regime Change durch Luftkrieg. Die Eskalationsfalle: Eine Bodenoffensive ist unrealistisch, Irans Minen- und Raketenarsenal bleibt intakt.
International (Seiten 5–7)
Verbotene Hüften
Sebastian Sele (Text und Bilder)
Reportage aus Kairo: Bauchtanz boomt in Ägypten, doch Tänzerinnen landen im Gefängnis wegen des Cybercrime-Gesetzes. Sohila Tarek Hassan Haggag und Farah Nasri vom «Nile Maxim» zwischen Tradition und Repression.
Darüber spricht Málaga
Ute Müller
Riesige Skulpturen von Neptun und Venus am Hafen von Málaga sorgen für Proteste in der Bevölkerung.
Bei Castros gibt’s Langusten
Mariana Schütz
Reportage aus Miami über den Castro-Clan in Kuba: Sandro Castro (155 000 Instagram-Follower) präsentiert Luxusleben, während die Gaesa-Holding die Wirtschaft kontrolliert und die Preise astronomisch sind.
«Die Lage ist sehr ernst»
Michael Radunski (Interview mit Nicole Büttner)
FDP-Generalsekretärin Büttner über die Verluste der Liberalen in deutschen Landtagen, die Krise der Glaubwürdigkeit und die Zukunft des Liberalismus.
Orbans letzte Waffe: ein Propaganda-Comic
Thomas Müller
Ungarns Regierung verteilt vor den Wahlen einen Comic gegen die EU und die Opposition. Propaganda in Sprechblasen.
Schweiz (Seiten 9–15)
Zittern im Bundesratszimmer
Simon Marti, Georg Humbel
Die Schweiz navigiert im Iran-Krieg zwischen allen Fronten: Waffenexporte in die USA gestoppt, F-35-Lieferung verzögert, Wirtschaftsdepartement unter Parmelin sucht den Kurs. Die Neutralität wird zum Drahtseilakt — Washington erwartet Loyalität, die Bevölkerung Zurückhaltung.
Röstis riskante Wette
Georg Humbel
AKW-Finanzierung via «gleitende Marktprämie»: Strombranche skeptisch, britisches Hinkley Point C als warnendes Beispiel für explodierende Kosten und endlose Verzögerungen bei Atomkraftwerk-Neubauten.
Glaubenszwist unter Brüdern
Mirko Plüss
Palmarianer-Sekte in der Innerschweiz: Regierungsrat Armin Odermatt ist Bruder des Sekten-«Papstes» Markus Joseph Odermatt (Petrus III.). Für die Sekte ist Schwimmunterricht eine Todsünde.
Unglück bringt Unglück
Gina Bachmann
Die Schweizer Unglücksserie — Lawinenniedergand in Crans-Montana, Postauto-Brand in Kerzers, Gondel-Absturz in Engelberg — und der Kaskadeneffekt: ETH-Professor Dirk Helbing erklärt systemische Zusammenhänge, Psychiater Thomas Ihde die psychologischen Folgen für die Bevölkerung.
Bei Sturm kann eine Seilbahn zur Falle werden
Benjamin Triebe
Seilbahn-Sicherheit nach dem Gondel-Unglück in Engelberg. Analyse der Sust-Berichte seit 2002 zeigt wiederkehrende Schwachstellen.
Das Schweigen der Bauern
Ladina Triaca, Daniel Friedli
Bauernverband gibt Stimmfreigabe zur SVP-10-Millionen-Initiative. Die «Geld und Gülle»-Allianz bröckelt: Wirtschaft kämpft gegen die Initiative, SVP-nahe Bauern sind gespalten.
Peinlicher Flop der Gentech-Gegner
Daniel Friedli
Die Volksinitiative «für gentechfreie Lebensmittel» scheitert an der 100 000-Unterschriften-Hürde: Nur 96 400 gültige Unterschriften gesammelt.
Debatte (Seiten 17–20)
Der Staat sollte sich beim Verbot religiöser Symbole zurückhalten
Daniel Foppa
Kommentar zur Kopftuchdebatte: Ein Plädoyer für Toleranz und gegen pauschale staatliche Verbote religiöser Symbole.
Nichts schaler als die Demaskierung
Janina Bauer
Banksy wurde durch Reuters als Robin Gunningham enttarnt. Bauer reflektiert über den Verlust des Geheimnisvollen, wenn Anonymität zerstört wird.
Die Bestnote bekommen Schweizer Schulen nicht
René Donzé (Text), Karin Hofer (Bilder)
Bildungsforscher John Hattie besucht das Schulhaus Hans Asper in Zürich und stellt unbequeme Fragen. Kritik an der Schweizer Fixierung auf Klassengrössen, an Separation statt Integration und an zu früher Selektion. Hattie: «Im Grunde genommen geht es gar nicht so sehr darum, was Lehrer tun, sondern darum, wie sie denken.»
Das Grauen in 3-D
Katharina Osterhammer
Der syrische Journalist Amer Matar baut IS- und Assad-Gefängnisse als digitale 3D-Modelle nach. Sein «Digital Prisons Museum» macht Folter sichtbar, die sonst in Erinnerungen verblasst. Sein Bruder Mohammed Nour ist seit Jahren verschwunden.
Magazin
«In meiner Kindheit habe ich gelernt, frei und furchtlos zu sein»
Laura D’Incau (Interview mit Elza Sile)
Porträt der lettischen Künstlerin Elza Sile, die in Zürich auf Edelstahl statt auf Leinwand malt. Geboren im sowjetischen Lettland, Tochter Lilly im Atelier geboren. Für NZZ Art hat sie das Werk «United Echo Frames» geschaffen — Ölfarbe und Bleistiftminen auf Edelstahl.
Ein Dorf mit Aussicht
Urs Bühler (Text), Ladina Bischof (Fotos)
Reportage über Tatti in der Toskana: Der Schweizer Unternehmer Ruedi Gerber rettet ein verlassenes Dorf. Die Zwillinge Marco und Massimo Verniani halten die Erinnerung lebendig. Ein Film — «Tatti, Paese di Sognatori» — erzählt ihre Geschichte.
Würde und Wahn
Christoph Zürcher
Kolumne über die Liebe zu Orten und das Gefühl von Zugehörigkeit.
Zu Hause
Myriam Zumbühl
Rezept: Gratinierte Gnocchi mit Morcheln.
Leseempfehlungen
Geklappt hat das noch nie
Petra Ramsauer
Nüchterne historische Analyse, warum Regime Change durch Luftkrieg nie funktioniert hat
Ramsauer setzt den Iran-Krieg in einen historischen Rahmen, der die aktuelle Sackgasse erklärt. Nach drei Wochen intensiver Bombardierung steht das Regime in Teheran stabiler als zuvor — ein Muster, das sich durch die Kriegsgeschichte zieht. Vom Blitz auf London über die Flächenbombardements auf deutsche Städte bis zur «Shock and Awe»-Strategie im Irak 2003: Luftangriffe allein haben noch nie eine Regierung zum Einlenken gezwungen. Im Gegenteil — sie schweissen die Bevölkerung zusammen und stärken den Durchhaltewillen. Die Eskalationsfalle ist klar benannt: Eine Bodenoffensive wäre angesichts von Irans Topografie, dem enormen Minenarsenal und der Raketen mit bis zu 1000 Kilometern Reichweite ein Abenteuer, das Washington nicht eingehen kann. Das Pentagon setzt auf Bombardierung bis zum Waffenstillstand — eine Strategie, für die es kein historisches Vorbild des Erfolgs gibt.
Zittern im Bundesratszimmer
Simon Marti, Georg Humbel
Die Schweizer Neutralität unter maximalem Druck — von allen Seiten gleichzeitig
Marti und Humbel zeichnen ein Bild des Bundesrats, der sich in einem Netz widersprüchlicher Erwartungen verfangen hat. Die Waffenexporte in die USA wurden gestoppt — ein Schritt, der Washington verärgert, aber innenpolitisch unvermeidlich scheint. Die F-35-Lieferung verzögert sich, was die Frage aufwirft, ob die Kampfjets überhaupt noch im vereinbarten Zeitrahmen ankommen. Gleichzeitig muss Wirtschaftsdepartements-Chef Parmelin einen Kurs finden, der die wirtschaftlichen Beziehungen zu den USA nicht gefährdet, ohne die Neutralität zu opfern. Der Artikel macht deutlich, wie eng der Handlungsspielraum geworden ist: Die USA erwarten Loyalität, die Bevölkerung Zurückhaltung, und die Wirtschaft fürchtet Sanktionen von beiden Seiten. Das «Zittern» im Titel ist keine Übertreibung — es ist die präzise Beschreibung eines Gremiums, das weiss, dass jede Entscheidung falsch sein könnte.
Die Bestnote bekommen Schweizer Schulen nicht
René Donzé (Text), Karin Hofer (Bilder)
Bildungsforscher John Hattie dekonstruiert Schweizer Schulgewissheiten — direkt vor Ort
Donzé begleitet den neuseeländischen Bildungsforscher John Hattie, den einflussreichsten Erziehungswissenschaftler der Welt, in ein gewöhnliches Zürcher Schulhaus. Was folgt, ist eine höfliche, aber schonungslose Demontage mehrerer Schweizer Bildungsgewissheiten. Die Fixierung auf kleine Klassen? «Hat kaum messbaren Einfluss auf den Lernerfolg.» Die frühe Selektion nach der sechsten Klasse? Benachteiligt systematisch Kinder aus bildungsfernen Familien. Separation statt Integration bei Lernschwierigkeiten? Kontraproduktiv. Hatties Kernbotschaft: «Im Grunde genommen geht es gar nicht so sehr darum, was Lehrer tun, sondern darum, wie sie denken.» Entscheidend sei, ob eine Lehrperson sich als «Aktivator» oder als «Facilitator» verstehe. Die Doppelseite mit Karin Hofers Bildern aus dem Schulalltag verstärkt den Eindruck: Vieles läuft gut, aber die Schweiz ruht sich auf Gewohnheiten aus, die sie nie hinterfragt hat.
Das Grauen in 3-D
Katharina Osterhammer
Digitale Erinnerungskultur, die Folter sichtbar macht — gegen das Vergessen
Osterhammer porträtiert den syrischen Journalisten Amer Matar, der IS- und Assad-Gefängnisse digital nachbaut — Räume, die physisch zerstört oder unzugänglich sind. Sein «Digital Prisons Museum» macht die Architektur des Terrors begehbar: die engen Zellen, die Verhörräume, die Korridore. Es ist Erinnerungsarbeit mit den Mitteln der Technologie, getrieben von einer sehr persönlichen Dringlichkeit: Matars Bruder Mohammed Nour ist seit Jahren verschwunden, vermutlich in einem dieser Gefängnisse. Der Artikel verbindet die technische Innovation mit der emotionalen Wucht: Hier geht es nicht um virtuelle Realität als Spielerei, sondern um die Rekonstruktion von Orten, die Zeugen von Verbrechen gegen die Menschlichkeit sind. Matar kämpft gegen das Vergessen — und gegen die Möglichkeit, dass die Beweise verschwinden, bevor sie dokumentiert sind.
Verbotene Hüften
Sebastian Sele
Fesselnde Reportage über die Kriminalisierung einer uralten Kunstform in Ägypten
Sele liefert Text und Bilder aus Kairo und erzählt die Geschichte eines absurden Paradoxons: Bauchtanz ist ägyptisches Kulturgut, Touristenattraktion, Milliardengeschäft — und zugleich ein Weg ins Gefängnis. Das Cybercrime-Gesetz von 2018, eigentlich gegen Online-Kriminalität gedacht, wird gegen Tänzerinnen eingesetzt, die Videos von sich im Internet posten. Sohila Tarek Hassan Haggag und Farah Nasri vom berühmten Nilschiff «Nile Maxim» stehen exemplarisch für hunderte Frauen, die zwischen Tradition und Repression navigieren müssen. Der Bauchtanz boomt wie nie — in Kursen, auf Hochzeiten, in Clubs —, aber wer ihn öffentlich zeigt, riskiert Anklage wegen «Verstössung gegen die öffentliche Moral». Seles Bilder fügen eine visuelle Ebene hinzu, die den Text komplementär ergänzt.
Ein Dorf mit Aussicht
Urs Bühler (Text), Ladina Bischof (Fotos)
Eine stille, liebevolle Erzählung über das Wiedererwecken eines toskanischen Dorfes
Bühler und Bischof führen den Leser nach Tatti, einem Dorf in der toskanischen Hügellandschaft, das fast verschwunden wäre. Wie so viele italienische Bergdörfer verlor Tatti seine Bewohner an die Städte — bis der Schweizer Unternehmer Ruedi Gerber kam und das Dorf zu einem Lebensprojekt machte. Die Zwillinge Marco und Massimo Verniani, die in Tatti aufgewachsen sind, halten die Erinnerung an das alte Dorfleben lebendig und bilden die Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Ein Film — «Tatti, Paese di Sognatori» (Tatti, Dorf der Träumer) — dokumentiert die Geschichte. Es ist eine Erzählung ohne Dramatik, aber mit viel Substanz: Über das, was passiert, wenn jemand einen Ort nicht aufgibt, und über die Frage, ob ein Dorf mehr ist als seine Gebäude. Ladina Bischofs Fotografien fangen das Licht der Toskana und die Patina der alten Mauern ein.