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Artikelübersicht & Leseempfehlungen
Sonntag, 15. März 2026 · NZZ am Sonntag · 56 Seiten + Magazin 32 Seiten
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Sonntag, 15. März 2026

NZZ am Sonntag · 56 Seiten
Titelthema & Iran-Krieg

Leider alles auf Schwarz gesetzt

Petra Ramsauer
Iran-Krieg entlarvt Trumps fossile Energiepolitik als Hasardspiel. Ölpreis über 100 Dollar, Strasse von Hormuz blockiert. China mit erneuerbaren Energien strategisch weit voraus – 57 von 64 Schlüsseltechnologien, E-Auto-Marktanteil über 50%. USA: E-Auto-Anteil auf 5,7% gesunken.

Die zweite Woche des Krieges – Chronologie

Dennis Frasch
Tag 9–15: Mojtaba Khamenei wird neuer oberster Führer. Schwarzer Regen über Teheran. Ölpreis erreicht 126 Dollar. IEA gibt 400 Mio. Barrel strategische Reserven frei. USA greifen Kharg Island an. Pentagon verlegt weitere Marines.

«Geschichte ist kein moralisches Lehrstück»

Alain Zucker (Interview mit Kijan Espahangizi)
Schweizer Historiker mit iranischen Wurzeln kritisiert westlichen Pessimismus. Reza Pahlavi als einzige Integrationsfigur der Opposition. Mehrheit der Iraner hat mit Regime abgeschlossen. Vergleich mit Kosovo-Intervention 1999.

Bitte mehr Bomben – Lagebericht aus Teheran

Omide Azadi
Schwarzer Regen nach Angriffen auf Öllager. Mojtaba Khamenei auf Plakaten. Protestierende warten auf Schwächung des Sicherheitsapparats. Trumps widersprüchliche Aussagen verunsichern Oppositionelle. «Ein Waffenstillstand wäre eine Katastrophe.»

Lieber reich als tot – Iraks Milizen

Karin A. Wenger
PMF-Milizen im Irak: 200’000 Kämpfer, 70 Gruppierungen, 3 Mrd. Dollar Jahresgehalt vom Staat. Viele Kommandeure inzwischen wohlhabende Geschäftsleute – wenig Bereitschaft, für Iran zu sterben. Ninawa unter täglichen Angriffen.
Schweiz

Wo sind die Beamten hin? Home-Office beim Bund

Mirko Plüss
66% der Bundesangestellten arbeiten regelmässig mobil. Mensa in Zollikofen nur noch 3 Tage offen. 2700 Immobilien für 44’000 Mitarbeitende. Finanzkontrolle fordert «realitätsnahe Bedarfsplanung». Desk-Sharing-Ratio 0,7.

Gangsta’s Paradise – Mafia in Roveredo

Stefanie Pauli, Stephanie Foden
Europol deckt Camorra und ’Ndrangheta im Südbünden auf. Vier Verhaftete lebten trotz Tessiner Warnung unbehelligt mit Aufenthaltsbewilligung. Über 300 Firmen in Roveredo, viele Briefkastenfirmen. Kanton kontrollierte jahrelang kaum.

Gefährlich alleine – Brand von Kerzers

Leo Eiholzer
Psychisch instabiler Mann zündet Postauto an, fünf Tote. Psychiatrie-Aufenthalte von 55 auf 32 Tage gesunken. 96% der Bewohner betreuter Zürcher Wohneinrichtungen psychisch krank. Experten fordern aufsuchende Psychiatrie-Teams.

Geld fürs Nichtstun – Simmewehr-Streit

Georg Humbel
BKW will 6,9 Mio. Franken für nicht produzierten Strom. Rückbau kostet über 50 Mio. SVP-Nationalrat Knutti kämpft gegen Abriss – Streit innerhalb der SVP. Grimsel-Dialog als Kompromiss in Gefahr. Röstis Energiestrategie bedroht.

Zürich, aber ohne Flugscham – «New Zurich»

Maurice Köpfli
14 Flughafengemeinden wollen sich als eigenständige «Grossstadt» positionieren. SVP-Dübendorfer Stadtpräsident präsidiert Projekt. Berater Thomas Sevcik entwickelt Konzept. Rot-grüne Stadt Zürich gibt sich unbeeindruckt.

Die letzten Schweizer Iran-Freunde

Ladina Triaca
Wirtschaftskammer Schweiz-Iran und Ex-Botschafter Philippe Welti pflegen enge Kontakte zum Mullahregime. Vizepräsident Vital Burger reiste 75 Mal nach Iran, verteidigt Regime offen, trychelte in Moskau.

Die Mühe der SP mit der Transparenz

Simon Marti
SP verhindert Unterstellung der Finma unter Öffentlichkeitsprinzip – obwohl sie das vor zehn Jahren selbst forderte. Abenteuerliche Begründung: SVP wolle Finma schwächen. Ex-SRF-Journalist Schmezer stimmte dagegen.

Sawiris hilft Olympia-Projekt

Unternehmer Samih Sawiris will Teil der Defizitgarantie für Olympische Winterspiele 2038 übernehmen. IOC verlangt 200 Mio. Franken Sicherheit.

Die Urheber des Tegut-Debakels

Migros Zürichs Engagement bei deutscher Supermarktkette Tegut kostet 600 Mio. Euro. Verantwortliche Präsident Biland und Finanzchef Keller noch immer im Amt.
International

Wie Deutschland vielleicht doch nicht untergeht

Michael Radunski
Fünf Ideen gegen den Niedergang: Industriepolitik aus einem Guss (weg vom VW-Partikularinteresse), Investitionen in Zukunftsindustrien, Hidden Champions als Trumpf, Energiepreise senken (19,9 Ct vs. 8,2 Ct China), Lieferketten diversifizieren.

Darüber spricht London: Erbsitze im House of Lords

Tessa Szyszkowitz
Letzte 92 erbliche Peers verlieren Sitze. Labour-Reform seit Tony Blair 1999. Earl of Devon: «Familie hatte den Sitz 900 Jahre lang.» Lebedew-Kontroverse bleibt.

Günstige Schoggi, bittere Ernte

Christian Putsch
Kakaopreis 65% eingebrochen. Elfenbeinküste senkt Garantiepreis von 2800 auf 1200 CFA-Franc. Kooperativen brechen zusammen. Schweizer Detailhändler senken Schokoladenpreise.
Debatte

Der Wunsch nach einem grandiosen Sieg verleitet zu grandiosen Fehlern

Gordana Mijuk
Trump erlebt seinen Vietnam-Moment. Krieg kostet 1–2 Mrd. Dollar pro Tag. Iranische Revolutionswächter treiben politischen Preis höher. USA seit Obama unfähig, sich vom Nahen Osten zu lösen – China nutzt die Ablenkung.

Wohin wird uns KI noch führen?

New York Times (Übersetzung: Thomas Isler)
Acht KI-Experten (Harari, Mitchell, Toner, Frosst, Frey, Marcus, Cotra, Srinivas) beantworten konkrete Fragen zu Medizin, Bildung, Arbeit, Kreativität, AGI. Harari: «Zum ersten Mal hat niemand eine Vorstellung, wie die Welt in zehn Jahren aussieht.»

Versprochen ist versprochen – Wahlversprechen

Daniel Friedli
Mitte-Ständeräte (Rieder, Bischof, Maret) stimmten für AKW-Bau – obwohl sie bei Smartvote Nein angaben. Schweizer Nationalräte stimmen aber meist wie versprochen ab.

Bei den libertären Aussteigern – Próspera

Ronnie Grob
Sonderzone auf honduranischer Insel Roatán. 5% Einkommensteuer, keine Kapitalgewinnsteuer. 2500 registrierte Bewohner, 500 Firmen. Bitcoin-Kreislaufwirtschaft, Longevity-Projekte. Lebenshaltungskosten 1500–2000 Fr./Monat.

Daryl Hannah kämpft um ihren Ruf

Marc Zollinger
«Love Story»-Serie auf Disney+ stellt Hannah als groteske Gegenfigur dar. Autismus-Diagnose erst spät. Richtigstellung in der «New York Times». Heute mit Neil Young verheiratet, Umweltaktivistin.
Wirtschaft

Uran wächst übrigens nicht auf Bäumen

Beat Balzli (Editorial)
Ständerat kippt AKW-Bauverbot. Iran-Krieg zeigt Abhängigkeit von importierten Energieträgern. Souveränität nur durch Solar, Wind, Wasser, Erdwärme. Atomgegner verpassen Argument der Landesverteidigung.
Wissen & Gesellschaft

Das Geheimnis der Super-Ager

Menschen, die mit achtzig geistig so wach sind wie mit fünfzig.

Liebesnächte in der Kälte – Epigenetik und Übergewicht

Tim Hollstein
Genetische Veranlagung zum verschwenderischen oder sparsamen Kalorienverbrennen – beeinflusst durch Zeugungstemperatur.

Sprint auf den Everest

Wird am höchsten Berg der Welt bald ein neuer Temporekord aufgestellt?

Schönheitsideale: Kommt das gut?

Social Media und Medizin machen Schönheitsideale immer fiktionaler.
Classe politique

Beat Jans eröffnet Abstimmungskampf

Justizminister nimmt vier Verbändepräsidenten mit zur 10-Millionen-Initiative – wider die bundesrätlichen Leitlinien.

Giorgio Fonio: Smartphone-Alterslimite

Mitte-Nationalrat fordert Verkaufsverbot von Handys an unter 12-Jährige – ähnlich wie bei Tabak.

Nina Fehr Düsel: Kopftuch im Bundeshaus

SVP-Nationalrätin fragt Bundesrat nach Kopftuch-Regelung – obwohl noch nie eine Parlamentarierin mit Kopftuch gesichtet wurde.

Leseempfehlungen

«Geschichte ist kein moralisches Lehrstück» – Kijan Espahangizi über Iran

Alain Zucker (Interview)
Differenzierteste Analyse des Iran-Konflikts jenseits westlicher Klischees
Der Schweizer Historiker Kijan Espahangizi lebt «in zwei Welten»: der iranischen Diaspora, die den Krieg als legitimen Schlag gegen ein Terrorregime sieht, und der westlichen Medienwelt voller Pessimismus. Er kritisiert den europäischen Fätalismus als sich selbst erfüllende Prophezeiung – und die Unfähigkeit des Westens, an Freiheit als erstrebenswertes Ziel zu glauben. Mit Hannah Arendt argumentiert er, dass Revolutionen vorher unwahrscheinlich und danach unumgänglich erscheinen. Reza Pahlavi, der Sohn des letzten Schahs, sei die einzige Figur, die eine Mehrheit der Iraner hinter sich versammle – am 8. Januar folgten Millionen seinem Protestaufruf trotz Lebensgefahr. Der westliche Pessimismus habe verschiedene Gründe: Es dürfe nicht sein, dass ausgerechnet Trump und Netanyahu Iran befreien. Espahangizi fordert europäische Staaten auf, das Regime als illegitim zu erklären und Pahlavi als demokratische Übergangsfigur zu unterstützen. «Endet dieser Krieg ohne substanzielle Schwächung des Regimes, wird es wieder Massaker geben.»

Leider alles auf Schwarz gesetzt – Ölkrise und Energiepolitik

Petra Ramsauer
Geopolitische Energieanalyse mit konkreten Zahlen zu China vs. USA
Die Blockade der Strasse von Hormuz durch Iran entlarvt Trumps «Drill, baby, drill»-Strategie als fatalen Fehler. Hinter der Entscheidung standen Finanzminister Bessent und Energieminister Chris Wright – Letzterer ein Schützheiliger fossiler Energie, der «Klimawandel» als Begriff im Amt verbot. Derweil zeigt China, wie strategische Energiepolitik aussieht: Ende 2025 waren erstmals über 50% der Neuwagen Elektroautos, der Ölverbrauch sank um 1 Mio. Barrel/Tag. China hält 700 Patente für grüne Technologien – mehr als die Hälfte weltweit. 93 Gigawatt Solarkapazität werden monatlich installiert, 100 Panels pro Sekunde. In den USA dagegen sank der E-Auto-Marktanteil auf 5,7%, GM investiert 888 Mio. in Verbrenner statt 300 Mio. in Elektromotoren. Die Tech-Konzerne verweigerten Trumps Forderung, ausschliesslich fossil zu investieren. Die Krise könnte zur Weichenstellung werden.

Gefährlich alleine – Psychiatriekrise nach Brand von Kerzers

Leo Eiholzer
Systemversagen mit konkreten Zahlen und persönlichen Schicksalen
Der Brand im Postauto von Kerzers, bei dem ein psychisch instabiler 65-Jähriger fünf Menschen mit in den Tod riss, ist Symptom einer wachsenden Krise. Seit 2002 ist die durchschnittliche Aufenthaltsdauer in Psychiatrien von 55 auf 32 Tage gesunken – ein bewusster politischer Entscheid, weg von den «Anstalten des 20. Jahrhunderts». Doch die ambulanten Nachfolgeangebote fehlen. Claude Gafner vom Heilsarmee-Wohnheim Buchseegut berichtet: Patienten werden ohne Nachfolge-Setting entlassen, Notfallärzte weigern sich, Verwahrloste zu untersuchen. Eine Zürcher Studie zeigt: 96% der Bewohner betreuter Wohneinrichtungen haben eine psychiatrische Diagnose, jeder Dritte ist schizophren – die Werte sind seit 2013 signifikant gestiegen. Experten fordern aufsuchende Psychiatrie-Teams auf der Strasse, doch das bleibt in der Schweiz «ein frommer Wunsch».

Wohin wird uns KI noch führen?

New York Times (Übersetzung: Thomas Isler)
Acht KI-Experten mit überraschend nüchternen Prognosen
Harari, Mitchell, Toner, Frosst, Frey, Marcus, Cotra und Srinivas beantworten konkrete Fragen zu KI-Auswirkungen auf Medizin, Bildung, Arbeit und Kreativität. Die überraschendste Erkenntnis: Trotz Hype herrscht unter Experten ein breiter Konsens, dass AGI in zehn Jahren unwahrscheinlich bleibt (Frosst: «In 50 Jahren vielleicht, in 10 unwahrscheinlich»). Mitchell warnt vor der «magischen» Wahrnehmung von KI, Marcus betont die Oberflächlichkeit grosser Sprachmodelle. Konkret wird Frey: KI-Tutoren sind schon jetzt «den meisten menschlichen Lehrern überlegen», machen aber Abkürzungen verlockend. Harari prognostiziert, dass KI Finanzen, Recht und sogar religiöse Mythologien besser navigieren wird als Menschen. Frossts Praxisurteil: KI wird «auf die beste Art und Weise langweilig» – wie GPS oder Tabellenkalkulationen in den Hintergrund treten.

Wie Deutschland vielleicht doch nicht untergeht

Michael Radunski
Konkreter Fünf-Punkte-Plan statt üblicher Untergangsrhetorik
VWs Jahresbilanz – Gewinn halbiert, China-Absatz auf 13-Jahres-Tief – illustriert Deutschlands Probleme. Radunski liefert fünf konkrete Ansätze: (1) Industriepolitik aus einem Guss statt VW-Partikularinteressen – Niedersachsens 20%-Beteiligung als Relikt der Besatzungszeit. (2) 500 Mrd. Euro Sondervermögen gezielt in Zukunftsindustrien statt nur alte Infrastruktur. (3) Hidden Champions als Verhandlungstrumpf gegen China – bei Halbleiterfertigung und Medizintechnik ist China selbst abhängig. (4) Energiepreise senken: 19,9 Ct/kWh vs. 8,2 Ct in China. (5) Lieferketten diversifizieren nach Afrika, Südamerika, Indien. Der kulturelle Wert des «Chi Ku» (Bitterkeit essen): Es ist an den Deutschen, wieder Entbehrungen für die Zukunft in Kauf zu nehmen.

Sonntag, 15. März 2026 — Magazin

NZZ am Sonntag Magazin · 32 Seiten
Reportage & Fotoessay

Stadt der Reime – Neapels Rap-Szene

Dario Veréb, Gaetano Massa (Fotos)
Fotograf Gaetano Massa dokumentiert seit 20 Jahren neapolitanischen Hip-Hop. Vom Garagenstudio «O’ Garage è Bacco» über Blockpartys bis zur Netflix-Show «Nuova Scena». Rapperin Lina Simons als internationale Hoffnung.

Auto-Liebe rostet nicht – Ode an den Ur-Twingo

Sabine Windlin
Der Renault Twingo von 1993 als Kult-Kleinwagen und Wertanlage. Name aus Twist+Swing+Tango. Neuer Elektro-Twingo für 20’000 Fr. mit Jingle von Jean-Michel Jarre. «Kein Gefährt, sondern ein Gefährte.»
Interview

«Kinder wissen selbst am besten, welches Essen ihnen guttut»

Naomi Gregoris (Interview mit Ronia Schiftan)
Ernährungspsychologin über Esskompetenz von Geburt an, Mere-Exposure-Effekt bei Brokkoli, Gamification von Essen als Belohnung. «Essen ist keine Belohnung, keine Bestrafung und kein Steuerelement.» Buch: «Wie Kinder essen».
Kolumnen & Service

Würde und Wahn: Die erste Begegnung mit dem Tod

Rafaela Roth
Journalistin über die bevorstehende Geburt ihres Kindes als Grenzerfahrung. Maggie Nelson: «Auf dem Weg wirst du den Tod gestreift haben.»

Zu Hause: Gyoza mit Fleischfüllung

Myriam Zumbühl
Japanische Teigtaschen, 30 Stück, 1 Stunde. Schweinehack und Garnelen. Vegetarisch mit Shiitake.

Weinkeller: Sauvignon blanc aus der Steiermark

Peter Keller
Sattlerhof Sernauberg 2020. Trockener Sauvignon blanc, 12,5% Alkohol, salzige Noten, Eleganz. Biodynamisch. 29 Fr. (gerstl.ch).

Zu Gast: Schloss Schauenstein, Fürstenau

Sonja Siegenthaler
Andreas Caminadas 20-Jahr-Jubiläum. Renovation durch Space Copenhagen. 12 Gästezimmer neu gestaltet. «Erhaben, aber auch intim.»

Wandern: Lamperswil–Mühlrüti

Heinz Staffelbach
16,1 km, 700 Höhenmeter, 4¾ Stunden, T1. Durch Toggenburg und Tannzapfenland. Höchster Punkt Iddaburg mit Wallfahrtskirche.

Hat das Stil? Drei Dilemmas

Henriette Kuhrt
Komplimente annehmen, teurer Wein beim Dinner, KI-Texte dem Chef gestehen. «Kein Alkohol ist gesichtswahrender als kein Geld.»

Selbstbetrachtung: Michael Hübler, Kinderherzchirurg

Zuza Speckert
Chefarzt am Uniklinikum Hamburg. Grösste Niederlage: «Jedes Kind, das ich nicht retten kann.» Aktuelles Projekt: erstes Kunstherz für Kinder mit halbem Herzen.

Konsumkultur: Die Schönheit der Unregelmässigkeit

Sonja Siegenthaler
Handgefertigte Gläser von Szklo Studio, Alexander Kirkeby, Cha Cha. Dazu: Florentine Kitchen Knives, Mia Iva Geist, Raygrodski-Bar.

Leseempfehlungen Magazin

«Kinder wissen selbst am besten, welches Essen ihnen guttut»

Naomi Gregoris (Interview mit Ronia Schiftan)
Provokante Gegenthese zu allem, was Eltern übers Essen gelernt haben
Ernährungspsychologin Ronia Schiftan stellt die gängige Erziehungspraxis am Esstisch auf den Kopf. Ihre Kernthese: Kinder kommen «esskompetent» auf die Welt – ein Baby kann nicht überfüttert werden. Doch kulturelle Erziehung übersteuert diese Innenreize systematisch: das Aufessen-Müssen, feste Essenszeiten, Brokkoli-Probierzwang. Der Mere-Exposure-Effekt funktioniert nur ohne Druck – unter Stress verbindet das Kind Gemüse mit Zwang und lehnt es noch stärker ab. Besonders brisant: Zucker als Steuerelement. Wer rationiert, schafft Sonderstatus und Fixierung. Wer das Kind «erst die Hauptmahlzeit aufessen» lässt, lehrt es: Erst durchs Schlechte, dann zum Guten. Schiftan plädiert für radikale Gelassenheit: «Kinder sind Komponentenessende – mal nur Nudeln, dann eine ganze Gurke, dann Joghurt. Ihr Metabolismus gleicht das aus.» Das gemeinsame Abendessen darf auch mal in Geschrei enden. «Der omnipräsente Gast namens ›man soll‹ kann ruhig ausgeladen werden.»

Stadt der Reime – Neapels Hip-Hop-Szene

Dario Veréb, Gaetano Massa
Intimes Porträt einer Subkultur, erzählt von innen heraus
Fotograf Gaetano Massa dokumentiert seit über zwanzig Jahren die Rap-Szene seiner Heimatstadt Neapel. In der Garage unter dem Haus seiner Eltern – «O’ Garage è Bacco» – lag das Epizentrum des neapolitanischen Hip-Hops der 1990er Jahre. Neapolitanischer Rap ähnelt dem amerikanischen Original stärker als jeder andere europäische Ableger: Die Grammatik des Dialekts begünstigt den Flow. Statt von Ghettos rappen die Künstler hier von Gassen, vom Meer, von Grossfamilien und Glauben. Rapper Domenico lebte in einer Behausung «wie in einer brasilianischen Favela» und nahm nachts Tracks auf – alles hausgemacht, improvisiert. Rapperin Lina Simons, eines der wenigen weiblichen Talente, rappt auch nach dem Umzug nach London weiterhin auf Neapolitanisch. Massas melancholisches Fazit: «Wenn die Newcomer im Mainstream ankommen, werden sie mich vergessen. Aber ich werde noch da sein.»

Hat das Stil? Soll ich sagen, dass die KI meine Arbeit erledigt?

Henriette Kuhrt
Die relevanteste Stilfrage unserer Zeit, pragmatisch beantwortet
Ein Leser lässt grössere Fachtexte von einem KI-Agenten verfassen und redigiert sie – seine Chefin lobt die Qualität regelmässig. Muss er es ihr sagen? Kuhrts Antwort: Ja, aber nicht aus Gewissensgründen, sondern aus strategischen. Die Chefin lobt für Texte, deren Qualität der Mitarbeiter nicht vollständig kontrollieren kann – ein Risiko, wenn später etwas schiefgeht. Der KI-Agent ist eine Ressource des Unternehmens, kein persönliches Geheimnis. «Ein kurzes ›Ich nutze den KI-Agenten zur Rohfassung und prüfe Korrektheit und Stil‹ macht Sie nicht kleiner, sondern grösser.» Und als professionelle Schreibfachkraft könne sie versichern: «Man merkt sehr schnell, ob ein Mensch oder eine Maschine einen längeren Text geschrieben hat.»