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Artikelübersicht & Leseempfehlungen
Samstag, 14. Februar 2026 · Neue Zürcher Zeitung · 64 Seiten
Übersicht So 15.02. →

Samstag, 14. Februar 2026

Neue Zürcher Zeitung · 64 Seiten
International

Merz fordert von Europa neue Stärke

Anna Schiller
Münchner Sicherheitskonferenz: Merz warnt vor wachsender Kluft zwischen Europa und den USA. Transatlantische Partnerschaft muss neu begründet werden.

Deutschland entdeckt die Machtpolitik

Anna Schiller
Merz bricht mit deutscher Zurückhaltung in der Aussenpolitik. Grönland-Schock und Trumps Drohungen als Katalysator für neues Machtbewusstsein.

FCAS-Kampfjet vor dem Aus

Marco Seliger, Daniel Steinvorth
Europas grösstes Rüstungsprojekt scheitert an Dassault vs. Airbus. Deutschland prüft Alternativen (GCAP, Schweden). 3 Mrd. Euro bereits verbrannt.

Der geheimnisvolle Sohn mit dem dicken Portemonnaie

Anne Allmeling
Mojtaba Khamenei steuert über Mittelsmänner ein Immobilienimperium im Ausland: Luxusimmobilien in London, Dubai, Mallorca. Möglicher nächster Revolutionsführer Irans.

Gewalt in Israels arabischer Gemeinschaft eskaliert

Jonas Roth
249 Morde 2025 in arabischen Städten Israels — Rekord. Polizei spricht von nationalem Notstand. Mafiöse Clans terrorisieren die eigene Bevölkerung.

Bangladesh wählt demokratisch

Ulrich von Schwerin
BNP gewinnt Zweidrittelmehrheit bei erster Wahl seit Umsturz. Tarique Rahman verweist Islamisten auf Platz 2. Erleichterung für Indien.

Japan nimmt chinesischen Kapitän fest

Patrick Zoll
Fischerboot in Japans Wirtschaftszone. 2010 führte ähnlicher Fall zu massivem Druck aus Peking. Diesmal reagiert China zurückhaltender.

Australiens Social-Media-Verbot für unter 16

Andreas Babst
Technisch kaum durchsetzbar, aber gesellschaftliche Debatte über Tech-Firmen und Kindheit angestossen. Familien porträtiert.
Schweiz

SRG im Abstimmungs- und Überlebenskampf

Matthias Venetz
Halbierungsinitiative (335 auf 200 Fr.). Knappe Umfragen. 1408 Beanstandungen bei Ombudsstelle — so viele wie nie.

Holz aus der Heimat

Andrea Fopp
Bündner Schreiner gegen Billigimport. 1,12 Mio. Tonnen Holz jährlich importiert, Schweizer Holz bleibt ungenutzt.

Brandkatastrophe Crans-Montana

Matthias Sander, Andri Rostetter
Möbellieferant erhebt Vorwürfe: feuerfester Schaumstoff 2016 aus Kostengründen abgelehnt. Hinterbliebene entladen Wut vor Kameras.
Zürich

Winterthurer Stadtpräsident Künzle tritt ab

Zeno Geisseler, Fabian Baumgartner
14 Jahre Amtszeit. Warnt vor zu schnellem Bevölkerungswachstum (90'000 auf 120'000). Bedauert hohe Unternehmenssteuern im Kanton Zürich.

Duell ums Zürcher Stadtpräsidium

div. Autoren
Golta (SP) vs. Avdili (FDP), Wahl 8. März. Spannend: neunter Stadtratssitz und Grüne mit Glättli.

Zürich im Schlittelfieber

Felix Studinka
Historisch: Schlittelbahnen als Attraktion bis in die 1930er. Tausende Zuschauer an der Kurhausstrasse.
Wirtschaft

Manager-Bashing führt in die Irre

Guido Schätti (Leitartikel)
Jenisch 48 Mio., Narasimhan 25 Mio. Pauschale Verdammung greift zu kurz: CH profitiert massiv von Konzernen, Durchschnittssaläre europaweit an der Spitze.

Schlüsselfigur hinter dem Babymilchskandal

Matthias Kamp
Cabio Biotech aus Wuhan, Geschichtsprofessor Yi Dewei als Gründer. Rasantes Wachstum mit Preisdumping, jetzt Schweigen zu Vorwürfen.

Epstein-Connections: Goldman-Sachs-Chefjuristin tritt zurück

Albert Steck
Kathryn Ruemmler nannte Epstein «Onkel Jeffrey», liess sich üppig beschenken, beriet ihn juristisch.

Der Wiener Opernball als Geschäft

Meret Baumann
450 Bälle/Jahr in Wien, 235 Mio. Euro Umsatz. Fallstudie Event-Marketing und Markenbildung.
Meinung & Debatte

Die Welt der Hemisphären

Leander Scholz
Monroe-Doktrin unter Trump. Europa muss eigene Sicherheit übernehmen und sich Gründungsakte unter Massgabe europäischer Souveränität neu aneignen.

ICE-Beamte aus Minneapolis abgezogen

Isabelle Jacobi
Wendemanöver zeigt Widerstandsfähigkeit der US-Demokratie. Zwei Bürger mussten sterben, bevor Trump einlenkte.

Economiesuisse: Wildhaber als Experiment

Peter A. Fischer
Textilunternehmer mit 100 Mitarbeitern wird Präsident. Gewagter Neuanfang, da kein Spitzenmanager wollte.

Trump hebelt Klimaregulierung aus

Peter Rasonyi
EPA-Trick von 2009. Klimapolitik braucht demokratischen Grundkonsens, nicht Verordnungen via Bundesbehörde.
Sport

Franjo von Allmen dominiert Olympia

Christof Krapf
3x Gold. Odermatt nur Bronze im Super-G, zeigt aber Grösse. Rivalität der beiden Schweizer wird zum grossen Duell.

Bob: Friedrich vs. Lochner

Stephan Klemm
Letztes Duell. Friedrich will fünften Olympiasieg und alleinigen Rekord.

Braathen startet für Brasilien

Eva Breitenstein
Will erster Winterolympiasieger für Brasilien werden. Privatteam, enormer finanzieller Druck.

FCZ vor Neustart

Fabian Ruch, Peter B. Birrer
Gesichtslos, kein Hauptsponsor. Canepas suchen Käufer, haben Claudio Cisullo engagiert.

Jim Ratcliffe (ManUtd) mit xenophoben Aussagen

Nicola Berger
«Kolonisiert von Immigranten» — selbst Steuerflüchtling in Monaco. FA leitet Untersuchung ein.

Leseempfehlungen

Manager-Bashing führt in die Irre

Guido Schätti · Leitartikel
Schweizer Wirtschaftslandschaft verstehen
Die Gehälter der Schweizer Spitzenmanager erreichen neue Rekordhöhen: Jan Jenisch (Holcim) bezog 2024 ein Vergütungspaket von 48 Millionen Franken, Novartis-CEO Vas Narasimhan 25 Millionen, UBS-Chef Sergio Ermotti begnügte sich aus politischen Gründen mit 15 Millionen. Managerlöhne bleiben seit dem Schock um Marcel Ospels Lohn von 12,5 Millionen im Jahr 2002 und der Anti-Abzocker-Initiative ein Politikum. Die absolute Höhe ist in vielerlei Hinsicht fragwürdig — Firmen schaukeln sich gegenseitig hoch, Millionensummen begünstigen eine Geldaristokratie, und Neiddebatten werden politisch ausgenutzt (Ja zur 13. AHV-Rente). Dennoch greift pauschale Verdammung zu kurz: Schweizer Durchschnittssaläre liegen laut Eurostat europaweit mit enormem Abstand an der Spitze — 10% über Dänemark, 22% über Deutschland, 42% über Frankreich. Die höhere Produktivität der Multis hebt die Löhne im ganzen Land: Selbst eine Schweizer Bäckerin verdient mehr als ihr deutscher Berufskollege. Drei Viertel der Schweizer Firmen zahlen entweder keine oder minimale Steuern, während aus den Kassen der Multis fast die gesamten Einnahmen der direkten Bundessteuer stammen.

Deutschland entdeckt die Machtpolitik

Anna Schiller
Historische Wende in der deutschen Aussenpolitik
Bundeskanzler Friedrich Merz eröffnete die Münchner Sicherheitskonferenz mit einem fundamentalen Kurswechsel: Deutschland entdeckt die Machtpolitik. Lange habe die deutsche Aussenpolitik einen «normativen Überschuss» gehabt — mahnende Worte ohne Taten. Merz brach öffentlich mit der tiefsten aussenpolitischen Prämisse, dass Deutschland seine eigene Macht einhegen müsse, und erklärte, in der neuen Weltordnung werde Untätigkeit bestraft. Er konstatierte: «Zwischen Europa und den Vereinigten Staaten hat sich eine Kluft aufgetan.» Er grenzte sich von der Maga-Bewegung ab und betonte freien Handel statt Zölle. Gleichzeitig redete er den Europäern ins Gewissen: Die Unmündigkeit sei selbstverschuldet. Im deutsch-französischen Verhältnis läuft es nicht rund: FCAS steht vor dem Aus, Merz und Macron überrumpeln sich mit eigenen Vorstössen zur Ukraine. Merz will künftig weniger mit Werten als mit Interessen argumentieren: Die NATO sei auch für die USA ein Wettbewerbsvorteil.

Australiens Social-Media-Verbot

Andreas Babst
Präzedenzfall für Regulierung, relevant für Social-Media-Strategien
Australien hat ein Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige eingeführt. Zur Geschichte gehört die Familie Carter: Sohn Hamish (12) stürzte sich 2022 in den Tod nach Online-Mobbing. Seine Mutter verstand erst durch die Polizeiauswertung, dass das Mobbing online weiterging — Freunde schrieben sich «KYS» (kill yourself). Die psychische Gesundheit von Jugendlichen hat sich verschlechtert: 74% zeigen Symptome laut einer Langzeitstudie. Jugendpsychiater Ian Hickie ist dennoch gegen das Verbot: Negative und positive Effekte hielten sich die Waage, Social Media könne besonders Aussenseiter verbinden. Professorin Susan Sawyer sieht das Verbot als spezifisch australisch: Anders als die USA gewichte Australien öffentliche Gesundheit stärker als individuelle Verantwortung. Das Verbot funktioniert technisch kaum (Kinder umgehen es leicht), hat aber eine wichtige gesellschaftliche Debatte gestartet. «Den grössten Nutzen wird nicht die Generation haben, der etwas weggenommen wird», sagt Sawyer — sondern Kinder, die erst ins Handy-Alter kommen.

SRG im Abstimmungs- und Überlebenskampf

Matthias Venetz
Zentrale Mediendebatte Schweiz
Die SRG kämpft gegen die Halbierungsinitiative (335 auf 200 Franken, Unternehmen ganz befreit). Generaldirektorin Susanne Wille sagt, die Initiative schwäche «all das, was die Schweiz im Kern ausmacht: Vielfalt, Zusammenhalt, Unabhängigkeit». Die Initianten kontern: Immer weniger konsumierten SRG-Formate, trotzdem die höchsten Gebühren weltweit. Zudem habe die SRG Schlagseite nach links. Die Umfragen sagen einen knappen Entscheid voraus. Im Vorjahr gingen bei der Ombudsstelle 1408 Beanstandungen ein — Rekord. Davon entfielen 513 allein auf eine «Late Night Switzerland»-Ausgabe nach organisiertem Juso-Aufruf. Die SRG muss über die Abstimmung berichten und gleichzeitig ihre Existenz verteidigen — ein kaum lösbares Dilemma. Ombudsfrau Girsberger warnt, solche Massenbeanstandungen verzerrten das öffentliche Bild.

Economiesuisse: Silvan Wildhaber — eine gewagte Kehrtwende

Peter A. Fischer
Wirtschaftspolitische Machtstrukturen Schweiz
Der 48-jährige Silvan Wildhaber soll neuer Economiesuisse-Präsident werden — eine Überraschung. Er ist CEO der St. Galler Filtex AG mit rund 100 Mitarbeitern, im Textilhandel mit Afrika tätig, und kandidiert für den Zürcher Gemeinderat. Er bringt keine Erfahrung aus nationaler Politik oder Grosskonzernen mit. Der letzte prägende Präsident war Gerold Bührer (2007–2012). Seither haben sich Grosskonzerne vom Verband distanziert — ihre internationaler gewordenen Geschäftsleitungen haben kaum Zeit für Verbandspolitik. Das erklärt, warum «die Schweizer Wirtschaft» im Wettbewerb mit den Berufsfunktionären der Linken zunehmend Mühe hat, Gehör zu finden. Die Wahl ist ein Experiment — manchmal muss man etwas Neues ausprobieren.

Die Welt der Hemisphären

Leander Scholz
Geopolitische Neuausrichtung, neue Weltordnung
Die Monroe-Doktrin von 1823 rückt unter Trump wieder in den Vordergrund. Die neue US-Sicherheitsstrategie priorisiert die «westliche Hemisphäre» und verlangt von Europa deutlich mehr für eigene Sicherheit. Das Dokument stellt fest, Europa leide an mangelnden militärischen Fähigkeiten, schrumpfendem Wirtschaftsanteil und einem identitätspolitischen Problem bis hin zur «zivilisatorischen Auslöschung». Die USA haben damit die identitätspolitische Wende nachvollzogen, die China, Indien, die Türkei und Russland bereits bewältigt haben — Rückbesinnung auf eigene Traditionen statt universelle Ordnung. Im Unterschied zur Globalisierung ist die Welt der Hemisphären aus Halbkugeln zusammengesetzt, von denen keine das Ganze repräsentiert. Europa muss sich unter der Massgabe europäischer Souveränität seine eigene Gründungsakte neu aneignen — ähnlich De Gaulles «Europa der Vaterländer».